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Geschrieben von Jakob Reidick

Jakob Reidick ist der Gründer von Investment Master. Er hat jahrelange Investmenterfahrung, ist Buchautor sowie Finanzanalyst.

📅 Juni 25, 2021

Der Zusammenbruch des US-amerikanischen Immobilienmarktes Ende der 2000er Jahre löste eine globale Finanzkrise aus. Eine der bekanntesten Insolvenzen in ihrer Konsequenz ist die der Investmentbank Lehman Brothers. Doch wie konnte es überhaupt zum Zusammenbruch des Immobilienmarktes der Vereinigten Staaten kommen und war vielleicht der Kapitalismus schuld?
Aus dem Platzen der sogenannten Dot-Com-Bubble 2000 hatte offenbar niemand gelernt. Da die Provisionen für den Abschluss von Immobilienkrediten attraktiv waren, wurden schon Jahre vor dem Zusammenbruch unglaubliche viele Kredite vergeben. Allerdings stieß dieser Bauboom an seine natürlichen Grenzen, denn die meisten Amerikaner hatten sich bereits ihren Traum vom Eigenheim mit Garage und Garten erfüllt. Nichtsdestotrotz wollten Makler, Banken und Bauunternehmen weiter Profite erwirtschaften (was ihr gutes Recht ist) und genehmigten auch Familien und Einzelpersonen geringer Bonität hohe Kredite. Das berühmteste Symbolbild aus dieser Zeit ist die Stripperin, die mehrere Häuser besitzt. Im Oscar prämierten Film The Big Short von Adam McKay aus dem Jahr 2015 wird diese Absurdität auf unterhaltsame Art und Weise dargestellt.
So weit, so gut. Richtig problematisch wurde es dann, als Finanzprodukte aufgelegt wurden, mit denen man Hypotheken-Anleihen gebündelt kaufen konnte. So wurde es Pensionsfonds und anderen institutionellen Investoren möglich, vom sich fortsetzenden Bauboom zu profitieren. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die Ratingagenturen Moody’s, Standard & Poor’s, die zusammen mit Fitch Ratings ein Oligopol bilden.
Diese Agenturen bewerteten die Hypotheken-Anleihen (Collateralized Debt Obligations, CDOs), obwohl sie auf faulen Krediten basierten, mit den bestmöglichen „Noten“ AAA, AA und A. (Die Skala geht in der Regel so: AAA steht für die höchste Sicherheit, danach kommen AA, A, BBB, BB, B, CCC, CC, C usw.) Normaler- und fairerweise hätten diese Finanzprodukte höchstens als „C“ bewertet dürfen, doch die Ratingagenturen taten dies nicht und so investieren Institutionen Milliarden über Milliarden in diese CDOs – mit einem Gefühl der Sicherheit.
Als dann Hedgefonds-Manager wie Michael Burry oder Steve Eisman diesen Schwindel und die daraus resultierende „Blase“ erkannten, wollte ihnen niemand glauben. Goldman Sachs, Deutsche Bank, Credit Suisse und andere Großbanken hielten vor allem den Kalifornier Michael Burry für verrückt und machten sich über seine Theorie lustig. Dennoch erstellten sie für seinen Hedgefonds passende Produkte, mit denen er gegen die CDOs wetten konnte: CDS (Credit Default Swaps). Einige Monate sah es tatsächlich danach aus, als ob Burry und Eisman sich geirrt hätten, doch dann nahmen die Kreditausfälle immer weiter und weiter zu, der Wert der CDS schoss in die Höhe. Die Querdenker rund um Burry verdienten hunderte Millionen Dollars, während der Immobilienmarkt zusammenbrach und Banken, die große CDO-Bestände hielten, wie etwa Lehman Brothers, gingen pleite.
Wer war also schuld? Es waren die Ratingagenturen mit ihren irreführenden Bewertungen, auf die alle, außer eine Handvoll Fondsmanager, vertraut haben. Bis heute gab es keine Konsequenzen für Standard & Poor’s, Moody’s oder Fitch – sie bewerten fröhlich weiter. Ebenfalls schlimm: es gibt immer noch keine europäische Ratingagentur und auch keine nennenswerte und anerkannte asiatische, das heißt, die USA dominieren das für die Wirtschaft extrem sensible Rating-Business bis dato weltweit.

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